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Eine Jenaer Legende kehrt zurück


Von Thorsten Büker 

Jena. Es dürften bierselige Jahre vor dem ersten Weltkrieg gewesen sein: Lichtenhain besaß fünf Kneipen und drei Brauereien, weshalb das Dörfchen gut lebte vom Durst der Jenaer Studenten. Mit dem Lichtenhainer Bier kehrt nun eine Legende zurück. Es sind drei Männer, die an ein Stück Heimatgeschichte und einen Durstlöscher an heißen Tagen glauben.

Wie braut man ein Bier, dessen Rezept verschollen ist? Michael Müller spricht von geschmacklichen Hinweisen. Zum Beispiel in einem Briefwechsel zwischen Goethe und Klopstock, in dem die „Lichtenhainer Weiße“ als erfrischendes Bier mit subtiler Rauchnote beschrieben wird. 

Im Februar gebrauter Probesud überzeugt

Müller ist Ortsteilbürgermeister, er baut Musikinstrumente und interessiert sich für die Geschichte seines Ortes. Und natürlich ist ihm jener Satz ein Dorn im Auge, der die Internetseite ziert: „Lichtenhain, das Weißbierdorf, wo es seit 70 Jahren kein Weißbier mehr gibt.“

Irgendwann stößt er bei seinen Recherchen auf Tilo Jänichen, einen Privatbrauer aus Frohburg, der die Ritterguts Gose“ seit den 1990er Jahren wieder in Leipzig beheimaten konnte.

Weil die Gose gewisse Parallelen zum Lichtenhainer Bier aufweist, forschte er weiter, stieß auf historische Spuren dieses für Jena typischen Bierstils. Das Besondere dieses hellen, obergärigen Bieres ist das Zusammenspiel eines leicht säuerlichen Geschmacks, der aus einer zusätzlichen Milchsäuregärung herrührt, mit einer zarten Rauchnote, welche vom verwendeten Spezialmalz stammt. Nur wenige überlieferte Biersorten setzen dieses Verfahren ein, beispielsweise Lambic, Leipziger Gose oder Berliner Weisse. In der Jenaer Sauerbier-Tradition und beim Lichtenhainer gibt es Besonderheiten im Brauprozess und bei den Zutaten. 

Die Idee reift, zumal die Gose- Brauer sich mit Sauerbier auskennen. Nach einem erfolgreichen Probesud im Februar, der testweise an einige Biersommeliers bundesweit verschickt und für gut befunden worden war, wurde Anfang April ein regulärer Sud mit 100 Hektolitern eingebraut. Ein Großteil des Gebräus sei vorbestellt und werde in den Export gehen – von Italien bis in die USA und von Skandinavien bis nach Südkorea wird es in weltweit in acht Länder verschickt. 

Im Mai geht es mit dem Bier zum „Arrogant Sour Festival“ nach Italien

 ,,Es gibt in den USA etwa 20 Brauereien, die Lichtenhainer Bier im Angebot haben“, sagt Tilo Jänichen. Das liege an der Craft-Beer-Bewegung, die das Brauen als Handwerk versteht, sich bewusst absetzte von der Industrie und Großbetrieben wie Miller oder Anheuser-Busch. Und diese kleinen Brauereien haben allein in den USA einen Anteil von 25 Prozent.“ 

Jänichen will die „Lichtenhainer Weisse“ im Mai beim „Arrogant Sour Festival“ in Reggio Emilia in  Italien vorstellen, dem mit Abstand wichtigsten Bierfestival in Europa für saure Biere. Zeitgleich soll das fast vergessene Bier dann auch in den Jenaer Lokalen und Biergärten erhältlich sein. 

Christian Meißner ist der Dritte im Bunde. Ihm gehört der Tröbnitzer Getränkehandel südlich von Stadtroda Er hat sich 120 Kästen gesichert und ist der Vertriebspartner vor Ort. Nach ersten Telefongesprächen mit Gaststätten in Jena schätzte er die Resonanz noch als verhalten ein, die Bier-Enthusiasten glauben aber dennoch an den Erfolg. 

Die lange Geschichte des Lichtenhainer Biers endete im Jahre 1983 mit der Schließung der Brauerei “Ed. Barfuss“ in Wöllnitz. Fast 40 Jahre später wird sie fortgesetzt. Und irgendwie will auch Michael Müller dafür sorgen, dass es in Lichtenhain erhältlich ist. Auch wenn es in dem Ort heute keine Gaststätte gibt.