Was dem Düsseldorfer das Alt, dem Kölner das Kölsch und dem Münchner das Weißbier, das war Leipzigern lange Zeit die Gose. Nach längerer Pause erfährt sie jetzt eine Renaissance.
In der Gosenschenke "Ohne Bedenken" drehte sich von jeher alles um den Trunk, der seit 100 Jahren in der Biedermeierstube ebenso wie im Biergarten Geselligkeit verspricht. Dieses Jubiläum wird jetzt in der
Menckestraße 5 gefeiert.
Goseanna!
Stammtischler philosophieren einmal im Monat übers Weißbier, Gott und die Welt
Es ist die Gose, doch die nicht allein, die seit Juni 1999 zwei Dutzend Goseaner jeden ersten Donnerstag im Monat am Stammtisch in der Menckestraße 5 zusammenführt. Im Vereinszimmer der Gosenschenke "Ohne Bedenken" treffen sich Jünger des schäumenden Gerstensafts, um selbigen zu genießen, aber auch, um über Gott und die Welt zu philosophieren und ihr Lieblingsgetränk zu preisen. Na dann: Goseanna!
"Wir sind einfach ein charmanter Zirkel, eine ausgesprochen angenehme Runde, nicht etwa militante Gosetrinker, sondern Genießer", nimmt Martin Trautmann, mit 40 der Jüngste im Bunde, das Verbindende vorweg. Trautmann, der Altbausanierer aus Oberbayern, hat gewissermaßen Gose im Blut. Denn, wie er verrät, wurde der Lebensbund seiner Eltern einst von Adolf Goedecke, dem Sohn des letzten Braumeisters der Döllnitzer Rittergutsbrauerei, gestiftet.
Doch nicht jeder, der im Sommer 1999, als die Gosenschenke "Ohne Bedenken" 100. Geburtstag feierte, dem Aufruf des Gosewirts Hartmut Hennebach folgte, und sich als Goseinteressierter bekannte, ist so eng mit diesem Bier verbunden. Peter Pfefferkorn allerdings, der frühere Wirt vom Gasthof Lützschena, hat schon als kleiner Junge in der Gohliser Mühle von dem säuerlichen Gebräu genascht. Seit 1916 war das Lokal immerhin in Familienbesitz. Kein Wunder, dass nach Großvater und Vater auch Peter Pfefferkorn Wirt wurde und bis 1996, das heißt ein Vierteljahrhundert, hinterm Tresen stand. Mittlerweile versteht er sich aber nur noch als "Gose-Botschafter" und praktiziert das gemeinsam mit Ehefrau Monika, die im Sea Side-Hotel Köchin ist. "Unser Anliegen ist nicht das Trinken, sondern dass wir erfahren und anderen vermitteln, was es mit der Gose auf sich hat", sagt sie. Besonders schön findet sie, dass die Mitglieder eine bunte Truppe zwischen 30 bis 70 sind. "Diese Mischung macht die Treffs immer interessant, ich freue mich jedes Mal darauf", sagt sie.
Dem kann Harald Schwar nur beipflichten. Er wacht übers Programm der Stammtischrunden, unterbreitet Vorschläge für Vorträge und Ausflüge und führt Protokoll. "Wir sind zwar kein Verein und haben keine Satzung, aber ein paar Regeln gibt's trotzdem", erzählt der einst selbstständige Elektromeister, dessen Herz seit 1985 für die Gose schlägt. Damals installierte er mit Lothar Goldhahn die Elektroanlage in der alten Gaststube. Mittlerweile kommt er regelmäßig und hat sich mit seinen "Gosebrüdern" geeinigt, dass auch Frauen in ihrer Runde Platz haben. "Das war früher nicht erlaubt, aber wir brauchen deshalb heute nicht gleich einen Gleichstellungsbeauftragten", scherzt Wolfgang Backsch, der in Gohlis aufwuchs und als Kind mit seinem Vater in der Gohliser Mühle Gose kennen lernte. Zu Beginn jedes Stammtischs werden zunächst Formalitäten geklärt, ehe halb neun ein Referent Wissenswertes erzählt. Der Themenmix sei etwas ganz Besonderes, sind sich die Goseaner einig. Zuletzt stellte ein Freimaurer seine Loge vor. "Toll war auch, wie der Volksbank-Chef die Abbildungen auf den alten D-Mark-Scheinen erläuterte", so Backsch.
"Wir fühlen uns dem alten Stammtisch der Goseaner verpflichtet, der sich schon zu Cajeris Zeiten von 1905 bis 1922 traf", sagt Hans-Martin Kählitz, für den der gemischte Donnerstagstreff "Ausgleich zum Berufsleben" ist. Aber er will wie alle Goseaner auch dem heutigen Gosewirt helfen, das Lokal samt seiner Geschichte zu erhalten, "denn es soll keine beliebige Kneipe sein", sagt Kählitz. Deshalb auch habe die Stammtischrunde Hartmut Hennebach ermuntert, den morgigen Tag zu feiern, heißt es übereinstimmend. "So einen schönen Biergarten gibt's nirgendwo sonst in Leipzig und das seit 100 Jahren", betont der 73-jährige einstige Unternehmer.
Und der Gosewirt, der natürlich auch Goseaner ist, gibt ihm Recht. Hennebach ist froh, dass aus seiner anfangs kaum beachteten Suche nach Gose-Freunden so ein patentes und interessiertes Trüppchen geworden ist. "Der Stammtisch hat mir Mut zur Investition gemacht", lobt er. So wurde im Vorfeld des Biergarten-, Erker- und Biedermeierstuben-Jubiläums an vielen Ecken Hand angelegt. "Im Biergarten bekamen die Pavillons Dächer und Fachwerk wie anno 1905, der Müllplatz verschwand und eine neue Klinkermauer steht", schwärmt er.
Auch im Biergarten trifft sich der Stammtisch der Goseaner, darunter Martin Trautmann, Hans-Martin Kählitz, Monika Pfefferkorn, Hartmut Hennebach, Peter Pfefferkorn, Wolfgang Backsch und Harald Schwar (v. l. n. r.), um über die Gose und das Leben zu philosophieren.
Süffiges Sommergetränk
Glaubt man der Überlieferung sowie ungezählten Gästen und Gosetrinkern, dann ist die Gose das gesündeste Bier überhaupt. Schon in "Zedlers Enzyklopädie" aus dem Jahre 1733 wird nicht nur das "Gose-Geheimnis" gehütet, sondern die Gose als Medizin gelobt. "...die weissen Biere (Gose) werden meist aus Weizen gleichwie die braunen aus Gerstenmalz gemacht, und übertreffen an Wärme, Stärcke und Nahrung die braunen... Die Gose gibt gut Geblüt, solvirt den Stein (löst Nieren- und Blasensteine) und machen denen Säugenden gut Milch".
In Friedrich Hoffmanns "Geheimniß im Bierreiche" (1872) heißt es: "...es überkommt den frommen Trinker am Stammtische das Gefühl einer ungeheuren Heiterkeit und Gutmühtigkeit; nur fröhliche Runde belebt die Tische, das Auge begegnet überall lachenden Augen... wir empfinden das wohltuende Gefühl einer Seele... die Gose ist Friede!"
Heute sind natürlich Inhaltsstoffe und Wirkung der Gose bestens erforscht. Im Prospekt zur Döllnitzer Rittergutsgose heißt es: Gose ist mit ihrem hohen Gehalt an Mineralstoffen und Spurenelementen, Vitaminen, Kohlehydraten, Protein und Kohlendioxid nicht nur ein ausgezeichnetes Nahrungsmittel, sondern außerordentlich gesundheitsfördernd. Sie beugt Krankheiten wie Herzinfarkt vor und stärkt die Abwehrkräfte. Der Gehalt an Milchsäure beeinflusst das Darmmilieu positiv, verbessert die Verwendung der Nährstoffe, beugt diarrhöischen Infektionen vor und hat antibiotische sowie schmerzhemmende Wirkung. In einem Satz: Sie fördert die Verdauung, beruhigt das Herz und verlängert das Leben! Auch für Sport Treibende und stark körperlich Tätige ist die Gose mit dem hohen Gehalt an Wasser und Mineralstoffen, wie Kalium und Magnesium sowie an Vitaminen das Idealgetränk. Die Goseaner preisen sie als "süffiges Sommergetränk".
Wer die Gose pur nicht mag, löscht seinen Durst vielleicht lieber mit einer Mischung. Süße Liköre und farbige Säfte schmeicheln zum einen dem Gaumen. Fantasievolle Namen verlocken gleichsam zum Probieren, so dass auch häufig "Sonnenschirm", "Regenschirm", "Frauenfreundliche", "Florida", "Grüner Engel", "Blaubär" oder "Edelmischung" über den Tresen der Gosenschenke "Ohne Bedenken" gereicht werden. Für Anfänger empfiehlt sich das 0,3-Liter-Glas, während bekennende Gosetrinker sich den halben Liter kommen lassen.
Doch egal, ob blond oder bunt, ob groß oder klein, der der Gose nachgesagten Wirkung sind viele Gäste noch heute auf der Spur. Zwischen Leipzig und Halle gibt es mittlerweile wieder fast zwei Dutzend Lokale, die Gelegenheit bieten, das säuerliche Gebräu auf dessen verdauungsfördernde und potenzsteigernde Wirkung zu testen. Wem das nicht geheuer ist, der kann seit geraumer Zeit die Gose auch wieder in Flaschen erwerben und sich dem Vergnügen daheim hingeben. Das ist aber gewiss nur der halbe Spaß.
Wo man Gose trinkt,
da kannst du ruhig lachen. Bösewichter trinken schärf're Sachen!
Gosewirt in Feierlaune
In diesen Tagen stehen in der Gohliser Gosenschenke "Ohne Bedenken" gleich mehrere Jubiläen ins Haus: Am 21. Mai 1905 wurde nämlich nicht nur der schöne Biergarten fertig. Im selben Jahr nahm der damalige Gosewirt Carl Cajeri auch seine Gosestube in Betrieb, und ebenso lange ziert der historische Gose-Erker die Menckestraße 5. 100 Jahre ist das her - und für den heutigen Gosewirt Hartmut Hennebach Grund zum Feiern.
So lädt er für morgen ab 14 Uhr zum Kinder- und Straßenfest. Ab 18 Uhr erklingen Bier-, Sauf- und Rauflieder der Band "stattGespräch". Um 19 Uhr fließt Gose beim Biergartenfest mit "The Hornets".
Darüber hinaus gibt's vom 2. bis 9. Juli eine Festwoche "100 Jahre Gosenschenke ,Ohne Bedenken'". Zum Auftakt spielt am 2. Juli 19 Uhr die "Lose Skiffle Gemeinschaft Leipzig". Vom 3. bis 8. Juli werden die Besucher zu Grillabenden mit Leipziger Künstlern erwartet. Zum Abschluss wird am 9. Juli die "Miss Gose" gewählt.
Hundertjähriges Dreierlei
Schön wie einst: Seit 100 Jahren ziert dieser schmucke Gose-Erker das Haus Menckestraße 5. Gosewirt Carl Cajeri hatte seinerzeit den Architekten Wilhelm Becker mit der kompletten Neugestaltung seines Anwesens beauftragt. Im Zuge der sechs Jahre dauernden Arbeiten wurden auch der 1899 eingerichtete Freisitz mit Bedienung umgestaltet, der sich danach bis zum Poetenweg hinzog, und eine biedermeierlich anmutende Gosestube eingerichtet. Das hundertjährige Dreierlei - Erker, Biergarten und Gosestube - können Besucher in diesen Tagen in alter Schönheit bewundern.
103-Jährige mag es pur
Zur Einweihung des Biergartens in der Menckestraße hätte sie als Dreijährige dabei sein können. Doch ob sie mit ihrem Papa dabei war, daran kann sich Irmgard Kürschner nicht erinnern. Dass sie aber Gose mag, das gesteht die 103-Jährige, ohne mit der Wimper zu zucken. Fünf Glas seien wohl zu verkraften, schmunzelt sie. "Erst am Männertag war ich mit meinem Sohn und meiner Nichte aus München in der Gosenschenke", erzählt sie munter. Aus ihrer Kindheit kenne sie die Gosenschänke am Eutritzscher Markt. "Mein Papa hatte eine Dachdeckerei und wenn er Gäste bekam, gingen sie dorthin oder in die Kümmelapotheke", berichtet die Leipzigerin. Der dortige Biergarten sei aber noch größer gewesen als der in der Menckestraße.
Sie trinkt noch immer Gose. "Aber nur pur, der Mischmasch ist nicht meine Sache", sagt sie und wisse gar nicht, wer darauf gekommen sei. "Wem 'se pur nicht schmeckt, der soll se doch nich' saufen", sagt sie schlagfertig, wie's eben nur eine so alte Dame kann.
HISTORIE
Die Geschichte der Gose reicht mehr als 1000 Jahre zurück. Markante Eckpunkte sind in einer Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum beschrieben.
um 1000 Kaiser Otto III. lobt das Goslarische Bier, die Gose, das er bei der Äbtissin von Quedlinburg kennen gelernt hat. Er ließ es wahrscheinlich daraufhin selbst erstmals in Goslar brauen. Man nahm das Wasser des Harzflüsschens Gose.
1332 Laut Etymologischem Wörterbuch der deutschen Sprache erschien das Wort "Gose" als Getränk im Urkundenbuch des Klosters zu Ilsenburg/Harz.
1375 In Anhalt-Zerbst bestätigt Fürst Johann I. die Brauerei-Innung und erlässt ein sehr frühes Gebot zur Reinheit der Gose.
1710 Johann Christoph Beckmann teilt in seiner "Historie des Fürstentums Anhalt" Rezeptur und Charakteristik der Gose mit.
1712 Für Leopold von Anhalt-Dessau (der "Alte Dessauer") lässt auf seiner Domäne Glauzig (bei Köthen) die so genannte "Gludsche Gose" brauen. Dort wurde die Gose auch auf besondere Flaschen gefüllt. Die "große gläserne Gosenflasche" enthielt 2 1/2 Kannen und kostete 1770 in Leipzig 2 1/2 Groschen.
1738 Der " Alte Dessauer" liefert erstmals Gose von Glauzig nach Eutritzsch, wo die erste Gosenschänke bei Leipzig entsteht.
1824 Im Rittergut Döllnitz des Kaufmanns Johann Gottlieb Goedecke beginnt Braumeister Johann Philipp Ledermann mit der Herstellung der Gose. Die "Döllnitzer Rittergose" ist geboren.
1888 Die Gosenschänke Eutritzsch feiert das 150-jährige Jubiläum der Einführung der Gose.
1899 Die Wirtsfamilie Cajeri muss ihre Döllnitzer Gosenstube im Zentrum aufgeben. Sie gründet in Leipzig-Gohlis die Gosenschenke "Ohne Bedenken".
1905 Der Biergarten "Ohne Bedenken" in Gohlis erweitert sich bis zum Poetenweg. Das Haus Menckestraße 5 mit dem Gose-Erker wird fertig. Die Biedermeierstube wird eröffnet.
1923 Geschäftseröffnung der Branntwein- und Likörfabrik Wilhelm Horn. Der Leipziger Allasch, der Kümmellikör und so genannte Goseschnaps, wird produziert (Gose mit Kümmel gleich "Regenschirm").
1943 Bei den Bombenangriffen am 4. Dezember werden zahlreiche Gosenschenken zerstört, so auch ein Großteil der Gosenschenke "Ohne Bedenken".
1945 Das Rittergut Döllnitz wird enteignet, die Brauerei demontiert. Bis 1949 gibt es in Leipzig keine Gose.
1949 Der Leipziger Braumeister Friedrich Wurzler stellt wieder die Gose her. Mit der Zeit beliefert er 18 Gaststätten und Läden, darunter das Hotel Fröhlich.
1958 Die Gosenschenke "Ohne Bedenken" wird geschlossen. In die Räume ziehen soziale Einrichtungen der Nationalen Front sowie eine Volks-Röntgen-Stelle.
1966 Der letzte Gosebraumeister stirbt. Die Firma Wurzler schließt die Brauerei. Die letzte Gose wird am 31. März ausgeliefert. Der Goseausschank im Hotel Fröhlich wird eingestellt. Eine für Leipzig goselose Zeit beginnt.
1986 Lothar Goldhahn lässt auf Grundlage eines "Werkstandard zur Herstellung der Gose" in der Weißbierbrauerei des VEB Getränkekombinat Berlin (Schultheißbrauerei) wieder Gose für Leipzig brauen.
Am 14. Mai wird die Gosenschenke "Ohne Bedenken" nach Rekonstruktion wieder eröffnet; ein Jahr später der historische Biergarten eingeweiht.
1990 Hartmut Hennebach wird neuer Gosewirt.
2000 Seit 1000 Jahren gibt's Gose.
Thomas Schneider verlegt seine Goseproduktion von Weißenburg nach Leipzig. Am Bayerischen Bahnhof errichten die Deutsche Bahn AG und Schneider die Gosebrauerei "Bayerischer Bahnhof". Angeboten werden in Leipzig ab jetzt die Gose vom Bayerischen Bahnhof als Leipziger Gose und die Döllnitzer Rittergutsgose.
Der Gose-Wanderweg zwischen Halle und Leipzig wird wieder eingeweiht.
2001 Die Familienbrauerei Ernst Bauer Leipzig übernimmt die Herstellung der Döllnitzer Rittergutsgose.
2002 Döllnitzer Rittergutsgose gibt es wieder in Flaschen.
2004 Der Gose-Wanderweg wird erweitert und misst nun 55 Kilometer.
|