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Den Freunden und Gönnern der "Rittergutsgose" gewidmet von W. Goedecke & Co. Rittergutsbrauerei Döllnitz 1824 * 1924 von Dr. Karl Siegmar Baron von Schulze-Gallerá
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I. Döllnitz - das Gosendorf
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Lang und einförmig zieht sich vom Bahnhof Ammendorf die Straße durch den Ort. Nüchtern graue Mietshäuser, bewohnt von den Arbeiterfamilien der ortsansässigen Industrie, säumen die Straße von beiden Seiten ein. Zwanzig Minuten wandert der Fußgänger durch die vereinigte Gemeinde Ammendorf-Radewell, bis er ins Freie gelangt.
Würzigen Duft weht der warme Luftzug von den Wiesen herüber, die sich in schimmernder Fülle den sanften Hang zur Elster hinabziehen. Im Schatten rauschender Pappeln und Eichen windet sich der Fluss in grüner Dämmerung durchs Tal. An seinem Ufer spielen die Kinder des Dorfes, die Wächter der weißen Gänse, die verträumt auf dem Wasser und dem angrenzenden Wiesenufer liegen. Drüber hinwegschweift der Blick ins Weite, über die geblümten Wiesenflächen, bis er am Horizont von schweigendem, schwarzem Waldessaum gehemmt wird. In der sonnigen Bläue weben leichte Dunstschleier über Wälder und Wiesen, in denen sich die Schmetterlinge wiegen und tummeln. Und nun auf die andere Seite unserer Straße. In goldener Schwere reifende Felder wogen ohne Unterlaß vom Sommerwinde bewegt, kaum merklich raunt es in den vollen Ähren, hier und da steigt trillernd eine Lerche aus den Äckern, noch ist ihr Nest ungestört und unversehrt von den Sensen der Schnitter. Schon reiht sich ein Stoppelfeld in das bunte Mosaik der mit Macht der Reife entgegenstrebenden Gefilde, wie, als seien sie unter den Strahlen der Julimittagssonne in einen Zauberschlaf versunken, stehen die Roggengarben gebündelt in Reih' und Glied, scheinbar leblos und dennoch voll neuen, drängenden Lebens.
Aus dem Grün der Bäume lugen Häuser und rote Dächer. Döllnitz das Gosendorf. In den Gassen des Dorfes brütet Mittagssommerglut. Durch das weitgeöffnete Tor tritt der Wanderer in den geräumigen Hof des Rittergutes. Schwere Wagen, braun gestrichen, mit weißen Planen überspannt, stehen in Reih' und Glied. Es sind die charakteristischen Gosenwagen, in denen die Gose auf der Landstraße in die Gosenschänken von Leipzig und Halle gefahren wird. Stattliche massive Stall- und Scheunengebäude grenzen den Wirtschaftshof ab. Auf einem Firste thront, in ein Wagenrad geflochten, das berühmte Storchennest. Die verwitwete Störchin sitzt, in tiefes Sinnen versunken, brütend darauf. Ehedem befand sich an der Sandsteinmauer unterhalb des Firstes das Schild des Döllnitzer Standesamtes.
Da war die Storchenfamilie da oben in ihrem luftigen und sonnigen Heim sozusagen eine sanfte Mahnung unseres lieben Vaters Staat an alle, die diesen Weg schritten, um vor Gott und Gesetz einen neuen Familienstand zu gründen. Jetzt ist das Schild weg.
In dem schlichtvornehmen, dem 16. Jahrhundert entstammenden Wohnhaus wohnt die Herrschaft des Rittergutes. Der Großvater des jetzigen Besitzers, Herr Johann Gottlieb Goedecke, Sproß einer Halleschen Familie, kaufte als Sechsunddreißigjähriger im Jahre 1812 das Rittergut. Über 100 Jahre hat eine deutsche, kraftvolle Familie in zäher Arbeit und treuester Pflichterfüllung hier ein Stück wertvoller Kulturarbeit geleistet. Gleichsam als Preis für das rastlose Mühen konnten die Geschlechter sehen, wie ihr Besitz sich immer mehr vergrößerte. Den 900 morgen von Döllnitz wurde vor einigen Jahrzehnten das im Kreise Delitzsch belegene Rittergut Zschepen von etwa 1200 Morgen hinzuerworben.
Doch zurück nach Döllnitz. Von der Terrasse des Wohnhauses steigt man in den Blumengarten hinab. In bunter Fülle reiht sich hier ein farbenreiches Beet an das andere. Dem in feuriger Leidenschaft flammenden Rot der Rosen mischt sich das fliehende Gelb der Georginen, einem violetten Samtpolster gleich schließt sich die Schar der in kühler Majestät starren Iris den Ring um die üppig schwellende Blumenpracht.
Ein Seidenpfötchen geleitet in den Park. Das tiefe Schweigen Böcklinscher Zauberlandschaften umfängt den einsamen Wanderer. Nicht gestört, nicht überfeinert von allzu unleidlichen Menschenhänden nach dem Zirkel der Heckenschere fließt hier in seltener Harmonie Kunst und Natur zusammen. Leise raunt's in den schattigen, dichten Wipfeln, und die Schatten alter Eichen spenden eine weihevolle Kühle. Hier genießt man über den Fluß hinweg den Ausblick auf die grüne, weit sich dehnende Wiese. Mittäglicher Sonneglast flimmert über ihr; dort leuchtet unter verhaltenem Dunst der leichte Glanz der reifenden Felder. Gar manch verschwiegen lauschiges Plätzchen lockt zu weltvergessener Träumerei.
Hier steht, umwoben von dichtem Grün, eine verwetterte graue Säule, übermannshoch, noch ein Gedenken an die Frau des Besitzers des Ritterguts, noch ehe der erste Goedecke es erwarb; dort hebt sich ein Stein, den dankbare Kinder ihrem Vater, dem ersten Herrn Goedecke auf dem Rittergut Döllnitz, errichtet haben. So knüpft sich neu empor Strebendes an das Versinkende, eine ewige Kette ewiger Wechsel, aus der kein Glied gebrochen werden kann.
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II. Die Wirtschaft auf dem Rittergut
Döllnitz
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Der wirtschaftliche Betrieb des Rittergutes ist sehr vielseitig. Zu dem ursprünglich landwirtschaftlichen Betriebe treten noch eine Reihe industrieller Anlagen.
Zunächst bewirtschaftet das Rittergut 900 Morgen Feld. Hier wird vor allem Gerste und Weizen gebaut, die beiden, für die Herstellung unserer Gose notwendigen Getreidearten.
In der Mälzerei wird die Gerste und der Weizen gemälzt. Nur ausgesuchtes, erstklassiges Getreide, welches den höchsten Anforderungen entspricht und für die Herstellung eines vorzüglichen Stoffes Gewähr bietet, wird hier verwendet. In den, im hohen und luftigen Untergeschoss der Mälzerei befindlichen Tennen, die durch die weiß getünchten Wände und peinlich sauber gehaltenen Zementfußböden dem Laien in die Augen fallen, wird das Getreide zum Keimen gebracht. Nach Vollendung des Keimprozesses wird das, nunmehr Grünmalz genannte Getreide mittels Saugluft zur Darre befördert, wo es zum fertigen Malz getrocknet und gedarrt wird. Der Betrieb der Mälzerei beschränkt sich hauptsächlich auf die kühle Jahreszeit. Auch von Rittergut Zschepen werden große Mengen Gerste und Weizen herangeschafft, um hier zu Malz verarbeitet zu werden. Die selbst erzeugte Menge der Gerste reicht nicht aus, um das im eigenen Bedarf der Gosenbrauerei des Ritterguts notwendige Malz herzustellen. Es müssen noch jährlich größere Posten hinzugekauft werden.
In einer Braunkohlengrube wird das notwendige Material zur Feuerung für die Brauerei zutage gefördert. Die Grube liegt in unmittelbarer Nähe des Orts. Es ist ein umfangreicher Tagebau, sehr ergiebig, dessen Kohle zum Teil als Rohkohle, zum Teil nach Verarbeitung in den industriellen Betrieben des Rittergutes Verwendung findet.
Der Abraum des Tagebaues eignet sich vorzüglich zur Herstellung von Ziegelsteinen usw. Aus diesem Grunde wird beim Rittergut eine Ziegelei betrieben, aus deren Erzeugnissen eine große Anzahl Häuser des Orts erbaut worden sind. Jederzeit sind für Arbeiter und Beamte zahlreiche geschmackvolle Häuser errichtet worden.
Während des Winters wird außerdem eine Kartoffelflockenfabrik in Betrieb gesetzt. Schlecht haltbare, erfrorene Kartoffeln werden hier zu Flocken und Mehl verarbeitet.
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III. Zur Geschichte der Gose
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Es ist jetzt 100 Jahre her, dass in Döllnitz Rittergutsgose gebraut worden ist; die Braugerechtigkeit bestand bereits seit Hunderten von Jahren. Die Gose selbst stammt aus dem Harze. Sie hat ihren Namen von dem Flüßchen, an dem die alte Kaiserstadt Goslar liegt. Das Goslarsche Bier war in früheren Zeiten weit berühmt. Auch in Glauzig im Anhaltinischen wurde die Gose gebraut. Fürst Leopold von Dessau, im Volksmund der "alte Dessauer" genannt, war der Glauziger Gose sehr zugetan. Diese Glauziger Gose wurde auch in Leipzig verschenkt. Bald kam es aber durch die Zollgesetzgebung dazu, dass die Glauziger Gose aus Anhalt nicht mehr in Leipzig vertrieben werden konnte, und da wandten sich die Leipziger an das der Familie Goedecke gehörige Rittergut Döllnitz mit seiner Brauerei mit der Bitte, sie mit Gose zu beliefern.
Braumeister Johann Philipp Ledermann, der aus Goslar das Rezept der Gosenbereitung mitgebracht hatte, begann im Jahre 1824 in Döllnitz Gose zu brauen. Durch die peinliche Gewissenhaftigkeit, mit der nur ganz besondere Qualitäten ausgesuchter Getreidesorten zur Malzbereitung für die Gose verwendet werden, kann die Döllnitzer Rittergutsgose mit Recht für ein erstklassiges Bier bezeichnet werden.
Die Gose selbst wird sehr stark eingebraut; die Folge davon war, dass während des Weltkrieges einige Jahre lang der Brauereibetrieb vollkommen ruhen mußte. Jetzt aber wird sie in alter Güte wieder hergestellt und geliefert. Die Brauerei ist in ihrer Inneneinrichtung vollkommen auf der Höhe.
Zur Herstellung der Gose wird, den deutschen Brauvorschriften entsprechend, als Rohmaterial nur Malz und Hopfen verwendet. Die Gose ist ein ganz besonderes gesundes und bekömmliches Getränk, da es reich an Vitaminen ist. Das Bier kommt in Fässern in den Handel oder in den bekannten flachbauchigen Flaschen mit langen Hälsen aus dunkelgrünem Glase, wie man auf dem Bilde des 84 jährigen gesunden Gosetrinkers noch sehen kann. Nach Halle und Leipzig geht die Gose mit Fuhrwerk auf die Landstraße. Die kräftigen Pferde vor den schweren braunen, mit weißem Verdeck bespannten Gosenwagen werden meistens selbst gezüchtet. Für die entfernter liegenden Orte wird der Versand durch die Eisenbahn bewerkstelligt.
Die Gose erfreut sich bei allen, die sie kennen, außerordentlicher Beliebtheit. Zu allen Jahreszeiten ist der Umsatz sehr stark; ganz besonders aber beim Ausstoß der Märzengose. Es gibt Monate, wo an die Gosenbrauerei Döllnitz die höchsten Ansprüche gestellt werden, dennoch ist der Betrieb in der Lage, allen Anforderungen zu genügen.
Zur Erledigung der im Sommer oft sehr hoch gestellten Ansprüche erfreut sich die Brauerei eines wirklich guten Stammes treuer, arbeitsfreudiger und seit vielen Jahren eingeschulter Arbeitskräfte. Es waltet ein gutes Einvernehmen zwischen den Arbeitern und ihrem Arbeitgeber, das dem ganzem Betriebe einen gewissen harmonischen Gang sichert. Die meisten der in der Rittergutsbrauerei beschäftigten Angestellten und Arbeiter sind schon 25 Jahre und länger als 50 Jahre hier tätig. Für dauernde Güte der Gose sorgt nun Herr Brauereidirektor Westermeier, der Nachfolger Ledermanns.
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IV. Gose immerdar
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Die Gose wird in hiesiger Gegend überall ausgeschänkt, besonders in den bekannten Gosenschänken von Leipzig und Halle. Bewegte Stunden frohen Studentenlebens sind in diesen Gaststätten vorübergezogen und mancher Philister in hohen Semestern hat von dieser guten Übung seiner jungen Jahre nicht abgelassen und erinnert sich noch in alten Tagen bei der Döllnitzer Rittergutgose seiner Jugend.
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